Die Finanzkrise war unausweichlich, aber wo bleibt das Positive?


Als sich die ersten Vorboten zur aufkommenden Finanzkrise im August 2007 zeigten, war mir ziem­lich schnell klar, dass ein Inferno aufziehen wird und die ÖDP hatte mir freundlicherweise einen kleinen Platz zur Verfügung gestellt, um meine Thesen zu veröffentlichen. Damals hatten noch die Wenigsten eine Krise für möglich gehalten. Oft bin ich im Verlauf der Finanzkrise nach weiteren Kommentierungen gefragt worden. Ich habe sie mir bewusst gespart und ich wollte mich nicht ein­reihen in das Gerede der „Experten“, die dies alles schon angeblich vorausgesagt hatten. Ein ÖDP-Kollege bezeichnete meinen Artikel gar als „vi­sionär“. Zugegeben, ich hätte lieber eine andere „Vi­sion“ gehabt als diese.


Für viele „Experten“ begann die Finanzkrise erst nach der Lehmann-Pleite im September 2008. Da­bei begann sie schon spätestens im August 2007, als sich die Banken untereinander nicht mehr trau­ten und sich gegenseitig kein Geld mehr liehen. Damit war klar, dass etwas Fundamentales gesche­hen war, dass die Finanzbranche erschütterte. Es war klar, dass der Staat eingreifen musste, da das Finanzsystem sonst in sich zusammengebrochen wäre. Die „Experten“ betonten jedoch damals, dass die Störun­gen im Finanzsektor keinen Einfluss auf die Realwirtschaft ausüben würden, denn so steht es auch in den Lehrbüchern. Während die herrschende Lehre davon ausgeht, dass Geld in einer Volkswirt­schaft bezogen auf den realen Wirtschaftssektor immer neutral sei, wurden die Gelehrten diesmal ei­nes besseren belehrt. Für jeden ungebildeten Normalbürger spielt Geld eine Rolle und hat auch einen realen Einfluss, nicht aber so in den Theoriewelten der Ökonomen. Als sich dann später die realen Auswirkungen zeigten, hatten es alle „Experten“ schon vorher gewusst und konnten nun­mehr prognostizieren, dass alles noch viel schlimmer kommen würde.


Wie alles hatte auch diese Finanzkrise eine wesentlich längere Vorgeschichte. Zum einen war es die Niedrigzinspolitik der amerikanischen Notenbank, zum anderen waren es auch viele Gesetzesinitia­tiven, die bereits in der Clinton-Administration verabschiedet worden sind und die Saat legten, die heute aufgegangen ist. Dazu zählten beispielsweise die gesetzlichen Vorgaben, die es unteren Ge­sellschaftsschichten ermöglichen sollten, ein Eigenheim erwerben zu können. Meistens ist es nun einmal so, dass die Dinge, die wirklich gut gemeint waren, am Ende fatale Auswirkungen haben, wie das Beispiel der Subprime Loans gezeigt hatte. Aber es waren auch die unter Clinton verab­schiedeten Gesetze, die es erst ermöglichten, Kredite zu zertifizieren und weiterzuverkaufen. Und es war auch das unter Clinton verabschiedete Gesetz, die Trennung zwischen Brokern und Kreditinsti­tuten aufzuheben.


Nach dem Börsenkrach von 1929 hatte die US-amerikanische Regierung eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die ein ähnliches Trauma in Zukunft verhindern sollte. Dazu zählte zum Beispiel auch die Trennung des Investmentgeschäfts vom Kreditgeschäft. Die Verant­wortlichen von damals hatten das Problem erkannt und die Konsequenzen daraus gezogen. Für Clinton war es aber eine Leichtigkeit dieses Gesetz als nicht mehr zeitgemäß zu klassifizieren. Wie dieses Beispiel zeigt, scheint es doch einige Gesetze zu geben, die zeitlos sinnvoll sein können. Kein Wunder also, dass die „roaring nineties“ in die Ära der Clinton-Administration eingingen, weil sie eine unglaubliche Expansion der Geldmenge und der Kredite befeuerten, das eine enor­me Beschleunigung des Wirt­schaftswachstums zur Folge hatte. Zwar gab es keine realen Lohnstei­gerungen, aber es wurde eine Immobilienblase kreiert, die dazu führte, dass sich die Amerikaner im­mer reicher fühlten und sie dazu verführte die Wertsteigerungen ihrer Häuser für die Ausweitung ih­rer Kreditlinien zu nutzen und in den Konsum fließen zu lassen. Davon profitierte auch Deutschland in erheblichem Maße, weil die Industrie viele Konsumgüter, wie z. B. Autos, dort gewinnbringend absetzen konnte.


Es war klar, dass diese Blase irgendwann platzen musste, doch wann, das konnte niemand so genau wissen. Zumindest kann man davon ausgehen, dass die Initiatoren dieses sich verselbstständigenden Systems wohl genau wussten, dass es irgendwann einmal krachen würde, doch dieser Moment wur­de aufgrund kurzfristiger Gewinnmaximierung einfach billigend in Kauf genommen. Und schließ­lich ist ja auch der Gedanke nicht ganz abwegig, dass es Möglichkeiten gibt, an der Krise auch noch einmal zu verdienen.


Fest steht, dass der letzte Schock einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik herbeigeführt hat, der nicht mehr von der Politik gesteuert wird, sondern von der Wirtschaft der Politik aufge­zwungen wurde. Um einen vollständigen Systemzusammenbruch zu vermeiden, musste rasch ge­handelt werden. Milliardenschwere Rettungspakete mussten her, die die Staatsverschuldungen in eine bisher noch nie da gewesene Dimension trieben.


Die Politiker sind keine Beweger mehr, sondern nur noch Bewegte, die das Schlimmste verhindern mussten. Und die nun folgenden Regierungen sind Gefangene eines Systems der Staatsverschuldun­gen, das ihnen faktisch keine Spielräume mehr gibt. Es ist eigentlich völlig egal, welche Regierun­gen in den nächsten Jahrzehnten gewählt werden, Handlungsspielräume haben sie ohnehin nicht mehr. Höchstens Spielräume in Richtung weiterer Privatisierungen und weiterer Herabsetzungen der Sozialversicherungsniveaus. Ein amerikanischer Ökonom äußerte erst kürzlich, dass der „European way of life“ auf dem Prüfstand stünde, was wohl nichts anderes heißen soll, dass man uns den „American way of life“ aufzwingen will. Eine ekelhafte Perspektive.


Die Großunternehmen hatten endlich die Möglichkeit langjährige Mitarbeiter auszumustern, da sie ihnen zu teuer geworden waren. Hatten diese Beschäf­tigten in den siebziger oder achtziger Jahren noch eine Chance auf einen Neuanfang in anderen Un­ternehmen, so dürfte dies wohl heute eher un­wahrscheinlich sein. Ganz abgesehen davon konnten Arbeitslose, die lange Jahre beschäftigt waren, noch wesentlich länger Arbeitslosengeld beziehen als heute. Dank rot-grün kann heute jeder Be­schäftigte höchstens nur noch ein Jahr lang Arbeitslosen­geld beziehen und wird dann auf Hartz IV – Niveau gedrückt.


Bei genauerer Betrachtung sind die Großunternehmen, die „systemrelevant“ sind, doch ganz gut da­vongekommen. Kassierten in den achtziger Jahren Großunternehmen Subventionen, um Arbeitsplät­ze zu erhalten, so bekamen sie jetzt in Windeseile Rettungspakete zugeworfen, um ihre Standorte zu sichern bei gleichzeitigem massiven Stellenabbau. Ja einige Großunternehmen überbieten sich fast täglich mit Horrorzahlen zum geplanten Stellenabbau bei gleichzeitiger Flankierung staatlicher Mit­tel, die ih­nen zur Verfügung gestellt werden. Wurden bisher derartige Maßnahmen mit dem Attribut „sozial­verträglich“ versehen, so scheint auch dieses Wort den Rationalisierungsbemühungen zum Opfer gefallen zu sein.


Die berechtigten Forderungen von Angela Merkel, dass dies nie wieder geschehen dürfe und dass die Finanzmärkte strenger geregelt werden müssen, dürften wohl schwer durchsetzbar sein. Abgese­hen davon, dass noch zuvor alle Parteien dem Marktfundamentalismus huldigten und die Dere­gulier­ungen vorantrieben, dürften diese Forderungen doch eher ein frommer Wunsch bleiben. Denn die Regulierungen müssten supranational erfolgen und hier geben die USA als Finanzmacht erst einmal den Ton an. Schon die Berater von Clinton kamen ausnahmslos von Goldman Sachs und die nach­folgenden Präsidenten wurden alle von ehemaligen Goldman Sachs-Mitarbeitern „beraten“. Es wäre wohl naiv zu vermuten, dass es sich hierbei nur um Zufälle handeln könnte, wie es ebenso naiv wäre anzunehmen, dass diese „Berater“ nicht die Interessen einer ganz bestimmten Firma ver­treten. Und es dürfte wohl auch kein Zufall gewesen sein, dass ausgerechnet Goldman Sachs dieje­nige Fir­ma war, die als Erste im Gefolge der Finanzkrise schnell wieder Milliardengewinne einfah­ren konn­te. Wenn die Finanzkrise auch Viele hart getroffen haben mag, so ist es doch immerhin sehr beruhi­gend zu wissen, dass es dabei einigen Wenigen sehr gut geht. Da bleibt das Posi­tive.

Jean Fuchs


Veröffentlicht am 19:50:16 09.12.2009 unter dem Titel Die Finanzkrise war unausweichlich, aber wo bleibt das Positive? Jean Fuchs


Letzte Aktualisierung
19:52:57 11.12.2009